Freitag, 13. Mai 2011

Religionsfreiheit – ein frommer Wunsch?

„Der Kampf um die Religions- und Weltanschauungsfreiheit“ war das Thema einer Veranstaltung, zu der der Bund für Geistesfreiheit Erlangen den Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrates, Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, eingeladen hatte.
Warum Kampf? Weil Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. In vielen Staaten der Welt ist es nicht weit her mit dem positiven Recht auf Ausübung der eigenen Religion, vom negativen Recht, eine Religion auch zu verlassen und auch keine Religion zu haben, ganz zu schweigen.
Bielefeldt betonte drei Aspekte des Menschenrechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit: Universalismus, Freiheit und Gleichheit. Es gelte überall und für jeden, es sei ein Freiheitsrecht, und es gelte für alle in gleicher Weise. Dabei ist zu betonen, dass das Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit in erster Linie eben dies ist: ein individuelles Menschenrecht, nicht ein Recht religiöser Organisationen oder religiös verfasster staatlicher Organe. Von diesen gehen dann auch in erster Linie die Angriffe auf die Religionsfreiheit aus. Wir sehen vielerorts Bestrebungen zu Partikularismus, Entliberalisierung und Diskriminierung.
Theoretisch, so Bielefeldt, sei es ganz einfach: Das Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit erzwinge geradezu den liberalen säkularen Rechtsstaat, dem dabei selbst aber nur eine Schiedsrichterrolle zukommt, der also nicht Partei werden darf im Streit der Weltanschauungen. In der Praxis sei es allerdings schwierig. Ja, es ist selbstverständlich schwierig für Staaten, die keine säkularen Rechtsstaaten sind. Aber noch schwieriger für die Menschen, die in solchen Staaten leben.
In der Diskussion erntete Bielefeldt Widerspruch zu seiner These, das Recht auf Mission gehöre notwendigerweise zur Religionsfreiheit dazu. Das religionskritische Erlanger Publikum hätte sicher keine Schwierigkeiten mit dem Recht auf Mission, wenn dadurch keine Machtposition ausgenutzt würde. Das ist aber natürlich meist der Fall, wie das heiß diskutierte Beispiel des Religionsunterrichts zeigt. Verzerrungen entstehen dadurch, dass sich multinationale Organisationen das individuelle Menschenrecht zu Nutze machen, um ihre professionelle Lobbyarbeit zu legitimieren. Oft ist der Inhalt solcher Lobbyarbeit gerade gegen die Menschenrechte gerichtet, insbesondere gegen das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit.
Vortrag und Diskussion machten deutlich, dass staatlich privilegierte missionierende Religionen mit dem Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit kollidieren. Hierzulande wären etwa die sozialen und arbeitsrechtlichen Benachteiligungen Konfessionsfreier, besonders in dem kirchlich dominierten Bereich sozialer Dienste, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen und die sattsam bekannten finanziellen Privilegien für Kirchen zu nennen. In der Einrichtung von Konkordatslehrstühlen mochte Bielefeldt allerdings keine eklatante Menschenrechtsverletzung, sondern nur eine gewisse „Ungereimtheit“ sehen, sozusagen Ärger in einem vergleichsweisen Paradies. Tatsächlich schrumpfen die Probleme, die wir hierzulande mit den Überresten des Kirchenstaats haben, in ihrer Bedeutung beträchtlich zusammen, wenn wir sie vergleichen mit der Bedrohung für Leib und Leben von Anders- und Nichtgläubigen in anderen Teilen der Welt, insbesondere in den islamischen Theokratien. Aber auch Ungereimtheiten sind aufzulösen.
Harald Stücker

Mittwoch, 11. Mai 2011

Hamed Abdel-Samad in Erlangen


Voller Saal im Dreycedernhaus in Erlangen

„Der Titel des Vortrags lautet: Menschenrechte oder Gottesstaat? Wohin führt der Weg der arabischen Revolution? ... Ich habe keine Ahnung.“ So die erfrischend ehrlichen einleitenden Worte von Hamed Abdel-Samad bei seinem Vortrag in Erlangen, zu dem der Bund für Geistesfreiheit und die Regionalgruppe Mittelfranken der Giordano-Bruno-Stiftung eingeladen hatte. Hamed Abdel-Samad, der einem breiteren Publikum durch die Fernsehserie „Entweder Broder - Die Deutschland Safari“ bekannt wurde, stammt aus Ägypten und hat die Revolution auf dem Tahrir-Platz hautnah miterlebt, sowohl die Euphorie als auch die Gewaltexzesse. Er wurde selbst als ausländischer Journalist von Mubaraks Leuten massiv bedroht.
Auch wenn Abdel-Samad sich keine Vorhersagen in Bezug auf die arabische Revolution zutraut, so ist er kühnen Prognosen doch nicht abgeneigt. Das zeigt der Titel seines zweiten Buches: „Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose.“ (2010). Innovationsfeindlichkeit, Bildungsmisere, Armut, ökologische Probleme und der schwindende Ölreichtum seien die Faktoren, die ihn zu seiner vordergründig pessimistischen Vorhersage führen. Und natürlich die Religion. Sie stehe im Zentrum dieser Kultur, und sie sei auch ihr zentrales Problem. Sie habe niemals gelernt, kritisch mit sich selbst umzugehen. Sie zementiere Unrechtsregime, sie verhindere Bildung und Innovation, sie lasse das riesige Potenzial der überwiegend jungen Bevölkerung brach liegen.
Und dennoch, in seinem Vortrag zeichnete er einen überaus positiven Ausblick. Die religiösen Kräfte seien von den Ereignissen vollkommen überrumpelt worden, und als sie auf den fahrenden Zug aufzuspringen versuchten, habe die Mehrheit der Demonstranten sie daran gehindert. Abdel-Samad setzt auf die Macht der Jugend gegen die Bedrohung einer religiösen Zwangsherrschaft. Die jungen Leute wollten keine zweite iranische Revolution, sie wollten eine Perspektive für ihr Leben. Der Westen allerdings müsse diese Bemühungen unterstützen, nicht zuletzt durch die Schaffung fairer wirtschaftlicher Bedingungen.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass das deutsche Publikum diese Position zwar sympathisch, aber überwiegend doch auch sehr blauäugig fand. Sehr viel Skepsis wurde laut, insbesondere immer wieder in Bezug auf die Rolle der Muslim-Bruderschaft.
Ein starkes Argument für seinen Optimismus sieht Abdel-Samad im Internet und den sozialen Netzwerken. Abschottung und religiöse Indoktrinierung der Massen sei heute praktisch nicht mehr möglich. Facebook eröffne der arabischen Jugend ein Fenster in den Westen, das Mullahs und Imame nicht schließen können.
Aber diese zersetzende Wirkung auf verkrustete Vorurteile entfalten die neuen Medien auch in die andere Richtung. Die alten Medien bedienen uns allzu oft mit dem Bild des Arabers, der nur als Teil eines fanatisierten Mobs vorkommt, als bedrohliche Masse. Aber vor einiger Zeit machte ein ergreifendes Youtube-Video arabischer Atheisten die Runde. Sie zeigten ihr Gesicht, obwohl sie wussten, was sie damit riskieren. Es sind Menschen wie diese und wie Hamed Abdel-Samad, die es mit Hilfe der neuen Kanäle schaffen könnten, auch unsere Vorurteile über die arabische Welt zu erschüttern.
Harald Stücker

Giordano Bruno Stiftung - Regionalgruppe Mittelfranken

Die Giordano Bruno Stiftung sammelt neuste Erkenntnisse der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, um ihre Bedeutung für das humanistische Anliegen eines „friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen im Diesseits“ herauszuarbeiten. Ziel der Stiftung ist es, die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die inhaltlichen Arbeitsfelder der Stiftung sind:
  1. Evolutionärer Humanismus/naturalistisches Weltbild
  2. Religionskritik/Säkularismus
  3. Erkenntnistheorie/Wissenschaftstheorie
  4. Ethik
Diese Themenbereiche sind eng miteinander verknüpft. So führen beispielsweise die neusten Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht nur zu einer Stärkung des naturalistischen Weltbildes (Arbeitsfeld 1), sondern liefern auch Argumente für eine interdisziplinäre, d.h. auch naturwissenschaftlich fundierte Religionskritik (Arbeitsfeld 2). Die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften und ihre religionskritischen Implikationen müssen allerdings wissenschaftstheoretisch reflektiert (Arbeitsfeld 3) und mögliche Konsequenzen auf dem Gebiet der praktischen Ethik bedacht werden (Arbeitsfeld 4).

Die formalen Aufgabengebiete der Stiftung:
  1. Theoretische Arbeit, die über ein interdisziplinäres Netzwerk von Experten verschiedener Profession fördert und entwickelt.
  2. Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse an die Öffentlichkeit durch Pressemitteilungen, die Giordano Bruno Akademie und Auftritte unserer Mitglieder und Förderer in der Öffentlichkeit
  3. Förderung von Forschungs- und Praxisinitiativen, die den Zielsetzungen der Stiftung entsprechen (Deschner-Preis, Projektförderung und -entwicklung)
Zur inhaltlichen Ausrichtung der Stiftung, lesen Sie bitte auch das im Auftrag der GBS geschriebene "Manifest des Evolutionären Humanismus". siehe www.leitkultur-humanismus.de